Schule, Lernen, Leben - die Zeit ist reif für Neuerungen

 
 

Was bedeutet die Institution Schule für dich? Entweder als Elternteil oder aus deiner Erinnerung an deine eigene Schulzeit heraus.

Bildungssystem vs. Gehorsamssystem

Für mich ist die Schule ein veraltetes Gehorsamssystem und kein Bildungssystem, als das es immer bezeichnet wird. Na klar wird Wissen vermittelt. Aber, reicht das? Haben die Lernenden wirklich die Chance sich zu bilden, ihre Individualität auszuleben und aus sich heraus die Dinge so zu lernen und zu erleben, wie es ihrem Wesen entspricht?
Es gibt viele neue Konzepte bzw. Konzepte, die von klassischen und staatlichen Bildungsvorgaben abweichen. Zu den wohl bekanntesten Konzepten gehören Waldorf und Montessori, die schon interessante Aspekte in das Lernen und Lehren mit einfließen lassen. Ich glaube jedoch, dass noch mehr möglich ist und gerade in der Grundschule würde ich das lehrende Konzept umstellen und viel individueller gestalten. In einem Gespräch mit einer befreundeten Sozialpädagogin habe ich ihr einige meiner Idee mitgeteilt und wurde direkt rüde unterbrochen, dass meine Ideen ja sehr romantisch klingen würden und es super für die Kinder wäre, jedoch aufgrund des Lehramtstudiums gar nicht möglich sei irgendetwas davon umzusetzen. - Das soll nun der Grund sein? Lehrer lehren so, wie es ihnen zusagt, wie sie es verstehen und wie es ihnen im Studium vermittelt wurde. Ob das jedoch dem Verständnis und Lernen des Kindes dient, ist dabei größtenteils irrelevant?
Das Gehirn eines Kindes ist ab dem Alter von acht bis neun Jahren in der Lage Buchstaben zu schreiben und zu lesen. Wobei das Lesen nicht zwangsläufig das Schreiben (oder andersrum) nach sich zieht. Darauf nimmt jedoch das Bildungssystem keine Rücksicht. Eher ist das Gegenteil der Fall und Kinder werden immer früher in der Schule eingeschult. In Berlin und Brandenburg gibt es Jahrgänge, in denen die Kinder bereits mit fünf Jahren in die erste Klasse eingeschult wurden. Sollten sie nicht noch ein Auslandsaustauschjahr einschieben, sind sie mir 17 Jahre bereits mit ihren Abitur fertig, da auch hier eine Verkürzung von 13 auf 12 Schuljahre stattgefunden hat.

Lehren auf Augenhöhe? Lehrer werden gesiezt, diese wiederum duzen die Schüler und nennen sie beim Vornamen

Warum werden Lehrer mit „Sie“ und ihrem Nachnamen angesprochen, die Kinder andersherum von ihren Lehrern mit dem Vornamen und “du”? An der Stelle möchte ich keine Lanze für das “sie” gegenüber eines Grundschülers brechen, ganz im Gegenteil: Das “sie” schafft Distanz und vermittelt kein Miteinander, sondern hat etwas von „von oben herab“ lehren. Nach dem Motto: ich weiß etwas, was ich DIR vermitteln möchte. Mir erschließt sich der Sinn dahinter nicht. In Schweden habe ich es vor vielen Jahren erlebt, dass Lehrer und Schüler sich duzten und das Miteinander in der Gemeinschaft war auch für mich als Außenstehende spürbar. Ich erinnere mich auch an einen Lehrer, den wir damals in der Abiturphase duzten. Er kam als Referendar an die Schule und auch hier erinnere ich mich an lockere, entspannte und lehrreichen Unterricht. Ich habe ihn als positives Beispiel in meiner Erinnerung und wünschte mir, dass auch in dieser Hinsicht ein Umdenken stattfindet. Lernen macht so viel Spaß - egal ob als Schulkind oder im Erwachsenenalter. Wir lernen einfach immer, stets und ständig. Im Übrigen lernen Lehrer auch von jedem Schüler…

Warum wird dem Thema Schule ein so enges Korsett angelegt? Wie empfinden Lehrer das?

Natürlich sind schreiben und lesen Voraussetzungen, um sich zu bilden. Meine Frage dazu ist: Welche Möglichkeiten gibt es, sich bereits das Erlernen des Schreibens und des Rechnens kindgerecht zu erschließen? So, wie es in den ersten Schuljahren vermittelt wird, ist es Lehrer-/Erwachsenengerecht. Mit der Entwicklung des kindlichen Gehirns hat das nichts zu tun. Wie ich oben bereits angemerkt habe, ist das Gehirn erst zu einem späteren Zeitpunkt in der Lage lesen und schreiben wirklich zu erlernen und auszuführen. Alles was vorher stattfindet ist teilweise schwere Arbeit. Natürlich gibt es Kinder, die sich bereits im Alter von fünf Jahren ihre Gute-Nacht-Geschichte selber vorlesen. Und so gibt es auch jene Kinder, denen lesen im Alter von sieben Jahren sehr schwer fällt. An der Stelle fehlt in meiner Wahrnehmung die Förderung der individuellen Potentiale. Nach meiner Beobachtung sind Kinder, die Schwierigkeiten mir dem Lesen haben, in anderen Bereichen echte Granaten. Häufig bleiben die Bereiche jedoch im Verborgenen, da sie selten grundschulrelevant sind. Klappt es dann im Lesen, schreiben oder rechnen nicht so, wie vom Lehrpersonal erwartet, werden die Schüler schlecht bewertet. Bis zum Alter von etwa elf Jahren können Kinder mit Bewertungen von Außen nicht umgehen. Ihnen ist der Unterschied zwischen der Bewertung ihrer Leistung und der Bewertung ihrer Person nicht klar. Erhalten Kinder in diesen Schuljahren Zeugnisse mit “schlechten” Noten, beziehen sie die Bewertung auf sich und denken sie seien nicht richtig. Hier wäre mein Ansatz in den ersten Schuljahren keinerlei Bewertung über die Leistung der Kinder abzugeben. Damit meine ich wirklich KEINE Bewertung. Denn werden Sterne, Smilies oder sonstiges verteilt, handelt es sich um Leistungsbewertungen und Vergleich der Kinder. Es ist mir nicht ganz klar warum Bewertungen so enormen Raum einnehmen und das Risiko eingegangen wird, dass die zarte Kinderseele gebrochen wird. Oder ist genau das beabsichtigt? Denn durch dieses Vorgehen wird einer der Grundsteine für das zukünftige Konkurrenzdenken im Erwachsenenalter gelegt.

Wer und was steht hier eigentlich im Vordergrund?

Kinder haben Vorlieben und Interessen, die ab der ersten Klasse beiseite geschoben werden, denn nun „beginnt der Ernst (und die Anpassung) des (und an das) Lebens“. Dem sollte jedoch gar nicht so sein. Warum wird der Schule solch eine Tragik verliehen und warum muss Schule ernst sein? Um sie ernst zu nehmen? An dieser Stelle fällt mir wieder das Siezen der Lehrer ein. Ich habe einen Vorschlag: “Was ist das wichtigste in der Schule?” - Antwort: “Spaß haben.” Denn mit Spaß lernt es sich leichter als mit Bewertung, Druck und Ernst.

Ich wünsche mir Horizont-Erweiterung, Flexibilität in Rahmenplänen und eine Anpassung an die Kinder durch die Lehrenden und nicht eine Anpassung und Erziehung der Kinder in Richtung der Lehrenden.

Schule darf NEU gedacht und vor allem gefühlt werden.