"Der Familiencoach" bei RTL Punkt 12, Teil 1
Die Patchwork-Mama
Im Rahmen eines bekannten Fernsehformats durfte ich zwei Familien bei ihren alltäglichen Herausforderungen begleiten und coachen.
Stress, Streit und Missverständnisse sind in vielen Familien an der Tagesordnung und in einem gewissen Rahmen sind Streitereien wichtig für das gemeinsame und individuelle Wachstum. Mit Wachstum ist neben dem körperlichen Wachstum auch die Entwicklung, das Wachstum der Persönlichkeiten gemeint. Eltern stoßen im Zusammenleben mit ihren Kindern häufig an ihre Grenzen, weil die eigenen Kinder die Gabe haben, ihren Eltern einen Spiegel vorzuhalten. Der Grund dafür liegt auf der Hand. Eltern erziehen (auch begleiten) ihre Kinder so, wie sie selbst geprägt wurden und das Familiensystem ist so angelegt, dass Erwachsene im Elterndasein durch ihre Kinder mit der Nase auf ihre eigenen Entwicklungspotentiale gestoßen werden. Soll heißen: Die Situationen, in den Eltern von ihren Kindern besonders genervt sind, sie Aggression in sich spüren und ihre Kinder als (besonders) anstrengend empfinden, sind die Momente, in denen Eltern zuerst in sich reinhören sollten. Diese Momente haben echtes Wachstumspotential und können dabei unterstützen aus alten, erlernten Mustern auszusteigen, weil sie ausgedient haben.
Aufgrund der meist schnellen Reaktion, weil die Kinder (ganz unbewusst) sämtliche Trigger-Knöpfe gedrückt haben, fehlt dem Elternteil der Moment des Innehaltens um zu reflektieren, was gerade die Wut, Trauer oder Aggression bei ihnen ausgelöst hat. Rückblickend fühlen sich die Reaktionen für die Eltern als unverständliche Überreaktion an. Teilweise entschuldigen sich die Eltern bei ihren Kindern für ihre überzogenen oder verletzenden Reaktionen, können jedoch selbst nicht begreifen, was bei ihnen unbewusst abläuft.
Die Streit-Situation zu Hause
Vor dieser sich wiederholenden Situation stand auch Caroline aus Dresden. Ihr Alltag mit ihrem elfjährigen Sohn Ben stellte sie immer wieder vor die Herausforderung alles im Griff haben zu wollen. Caro wollte planen, organisieren und kontrollieren, weil „man“ bestimmte Abläufe, Anpassungen und Verhaltensweisen von einem Elfjährigen erwarten könne. Nur, dass die Dinge, die sie kontrollieren will, eigentlich sie kontrollierten. Im Ergebnis gab es Auseinandersetzungen und Streits mit verletzenden Worten von verletzten Seelen. Dieser Kreislauf darf und muss vom Elternteil durchbrochen und das Zusammenleben in harmonische Bahnen gelenkt werden. Es ist in erster Linie die Aufgabe der Eltern ihre eigenen Herausforderungen zu reflektieren und an sich zu arbeiten. Besser noch, wie im Fall von Caro und Ben, wenn beide etwas für ihre Beziehung tun und ihre emotionalen Rucksäcke entpacken.
Erfahrungsgemäß haben sich Erwachsene über ihre Lebenszeit mehr in ihren Rucksack geladen als Kinder. Ein großer Teil der gemachten negativen Erfahrungen speist sich aus wenigen, jedoch einschneidenden Erlebnissen. In Caros Teenager-Vergangenheit fanden sich Ereignisse, die sie sehr gezeichnet und beeinflusst haben. Es ging um Gewalt in einer Beziehung und Drogenmissbrauch. Ihren Sohn wollte Caro vor solchen Erfahrungen schützen und stellte deshalb besonders viele und strenge (Verhaltens-)Regeln auf.
EMDR zur Verarbeitung negativer Erfahrungen
Die in dem Moment präsenteste Erinnerung haben wir in einer Coaching-Session noch einmal ins Bewusstsein geholt und Caroline hat auch alle dazugehörigen Gefühle hochkommen lassen. Mit EMDR/iERT (nach Daniel Paasch) hat sie die negativen und belastenden Emotionen auflösen können. Dabei ist es wichtig zu wissen, dass keine Erinnerung gelöscht oder unterdrückt wird, sondern die mit der Erinnerung verbundenen negativen Gefühle werden neutralisiert. Die Neutralisation ist von außen daran zu erkennen, dass der Coachee beim nochmaligen Erzählen ruhig bleibt und nicht mehr emotional ist, also weint oder aggressiv wird. Nachdem Caro ihre negativen Gefühle verabschiedet hatte, habe wir ihr System mit positiven und stärkenden Glaubenssätzen gefüttert. Diese gesamte Session hat sich so positiv auf ihr mütterliches Verhalten ausgewirkt, dass die Veränderung umgehend spürbar und sichtbar war.
Bei Ben bin ich ähnlich vorgegangen, da er mir von einer Situation mit Caro berichtete, die ihn sehr verletzte. In einem Streit sagte sie zu ihm, dass ihn hier zu Hause niemand brauche. Diese Aussage im Zusammenhang mit dem Streit verletzte Ben sehr. Er hatte die Verletzung so weit im Unterbewusstsein versteckt, dass es eine wirkliche Herausforderung war, die Emotion hervorzurufen. Für ein erfolgreiches Arbeiten mit EMDR ist die hervorgerufene Emotion sehr wichtig, weil sie auch als Gradmesser für die Neutralisierung genutzt wird. Eine Reaktion im Körper frage ich, neben der Skalierung des Schmerzes von 0-10, auch immer ab. Während des Prozesses merkt der Coachee eine Veränderung hin zum Nullpunkt. Bei Mutter und Sohn gelang mir die Begleitung jeweils bis zur Null = keine negative emotionale Belastung mehr.
Die Aufstellung des inneren Teams
Um Bens Entwicklung zu unterstützen, haben wir uns gemeinsam sein inneres Team in einer Aufstellung angeschaut. Bei der Aufstellung mit Playmobil-Figuren geht es um die inneren Anteile und deren Zusammenarbeit. Dabei werden neben dem Stellvertreter der eigenen Person, auch der Denker, der Handelnde und der Visionär aufgestellt. Hier gibt es kein richtig oder falsch. Es werden die Beziehungen der einzelnen Stellvertreter-Figuren beleuchtet und geschaut, ob und wie die Verbindung noch besser werden kann. Die Aufstellung des inneren Teams zeigt sowohl Potentiale als auch Herausforderungen auf. Die Betrachtung der eigenen Anteile mit Stellvertretern und die Bewusstwerdung von Problemen der Anteile untereinander, wirkt sich positiv auf den Charakter aus und stärkt diesen. Nachdem Ben seine Anteile auf- und später umstellte, merkte ich ihm richtig an, wie gelöst und gleichzeitig stark er wirkte.
Der Abschluss
Zum Abschluss unserer gemeinsamen Zeit habe ich mir noch eine Überraschung für Mutter und Sohn überlegt. Es ging für beide zum Boxen. Was ich vorab nicht wusste: Caroline betreibt seit ihrem 16. Lebensjahr Kickboxen. Die zweite Überraschung für mich war, als Ben sagte, er würde gerne von seiner Mama Kickboxen lernen. - Die perfekte Idee also.
Wir haben insgesamt drei Tage miteinander verbracht und schon in dieser kurzen Zeit war für mich eine Verbesserung der Situation im Umgang miteinander sichtbar. Bei unserem Nachgespräch per Video-Call bestätigten beide, dass es nach meinem Besuch keine eklatanten Streitsituationen mehr gab und sie offener miteinander kommunizierten. Es freut mich sehr, zu sehen, wie viel das Coaching bei beiden bewirkt hat und ich freue mich, mit Caro und Ben den Weg gegangen zu sein.